Dieser Beitrag wird etwas anders funktionieren, denn es geht um Hasskommentare und Hatespeech im Internet in Bezug auf LGBTQIA+-Beiträge. Hierfür habe ich ein paar Kommentare als Beispiel genommen. Einige haben so etwas schon einmal gelesen oder gehört, andere können sich das kaum vorstellen. Für uns queere Menschen gehört dieser Umgangston aber leider oft zum Alltag, besonders in sozialen Netzwerken.
Oft steckt aber auch gar kein tieferer Sinn hinter den Kommentaren, sondern es wird lediglich versucht von Trollen zu provozieren.
Kommen wir gleich zum ersten, sehr sinnreichen Kommentar.
„Macht doch einfach was ihr wollt! Warum muss das jeder toll finden? Das nervt!!“
Keine Sorge. Wir machen was wir wollen. In diesem Fall nehmen wir unser Demonstrationsrecht wahr und gehen, natürlich angemeldet, gemeinsam auf die Straße um für Menschenrechte und Inklusion zu demonstrieren. Wir erwarten nicht dass das jemand toll findet. Wir möchten das, was alle Menschen wollen die demonstrieren und laut sind. Gehör erhalten und das sich etwas ändert. Wenn es dich also nervt bist du herzlichst dazu eingeladen dich auszuladen und woanders hinzugehen. So lange du da bist wo wir unser Recht wahrnehmen wirst du damit leben müssen.
„Die ganze Stadt war deswegen lahmgelegt. Können die nicht irgendwo abseits der Stadt demonstrieren?“
Ja, das können wir natürlich. Es würde nur den Sinn einer Demonstration verfehlen, denn man möchte ja auf Probleme aufmerksam machen.
Dieser Kommentar betraf im übrigen den CSD in Bremen. „Lahmgelegt“ waren zeitweise einige Straßen auf denen die Route entlangführte jeweils für etwa 30-40 Minuten. Es gab durchgängig die Möglichkeit diese Bereiche leicht zu umfahren. So sahen wir auf dieser Strecke nur sehr wenige, stehende Fahrzeuge. Wirklich komplett gesperrt für diesen Tag waren nur die ersten knapp 300m der Straße „Tiefer“ an der die Bühne und die Stände aufgebaut waren. Zu behaupten die Stadt wäre lahmgelegt gewesen ist nicht nur völlig übertrieben, sondern auch schlichtweg einfach gelogen.
„Vielleicht sollten die „normalen“ auch mal auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen. Wenn du nicht für diese anderen bist bist du ja automatisch schlecht.“
Ja, genau. Die „Normalen“ sollten auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen. Das tun sie sogar in Form von Demonstrationen oder Streiks und man sieht es beinahe jede Woche in den Nachrichten oder in der Zeitung. Sie gehen nur nicht auf die Straße um gegen Diskriminierung zu demonstrieren, denn sie werden eben in den meisten Fällen nicht wegen ihrer Sexualität diskriminiert.
Und so lange wir als „Die Anderen“ in solchen Kommentaren bezeichnet werden haben wir noch viel tun, viele Städte lahmzulegen und sehr viel auf die Straße zu gehen.
„Sehe diese Flagge mehr als die Deutschland-Flagge. Warum?“
…
Also da fällt es mir nun wirklich schwer etwas beizutragen. Ich könnte jetzt mal vermuten weil die Träger der vielen verschiedenen Pride-Flaggen eben einfach stolz sind und das auch zeigen.
„Es gibt Dinge die kein Mensch braucht. Was ist bloß aus Deutschland geworden? Immer weniger sieht man die deutsche Flagge, nur noch Regenbogen-Schrott.“
Das der Bedarf an CSDs groß ist, und auch immer größer wird sieht man sehr gut an diesem Kommentar…
Was den „Regenbogen-Schrott“ angeht. Wenn die Regenbogen-Flagge damit gemeint ist, so steht sie für Vielfalt, Menschlichkeit und das Leben selbst. Um ganz genau zu sein für „Leben, Heilung, Sonne, Natur, Harmonie und Spiritualität“. Sie eint Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig davon woher sie kommen, welche Sprache sie sprechen, welches Geschlecht sie haben, wie sie aussehen oder woran sie glauben. Also ein echtes Universal-Symbol auf das wir sehr stolz sind.
Frage beantwortet?
„Einfach nur unnötig.“
Die Notwendigkeit habe ich nun schon mehrfach betont und durch die Kommentare auch bewiesen. Unnötig, und offenkundig auch falsch, ist in diesem Fall nur der ursprüngliche Kommentar.
„Ich kann diese allwöchentlichen ach so tollen Spektakel bald nicht mehr sehen. Es widert mich nur noch an. Dieser Overload an Toleranz „homo ist toll“ usw. nervt sogar meinen schwulen Bekannten.“
Was soll ich sagen. Erneut ein sehr guter Beweis dafür das es noch immer zu wenig CSDs und zu wenig Toleranz gibt. Ich habe auf noch keinem CSD bisher eine Satz wie „Homo ist toll“ gehört oder gelesen. Zudem man niemanden seine Sexualität aufzwingen kann. Weder in die eine, noch in die andere Richtung.
Erstaunlich finde ich immer wieder wie viele Menschen in solchen Kommentaren plötzlich einen schwulen Bekannten haben, den das auch nervt. 😉
„Abschaffen! Diesen Rotz Abschaffen!“ – „Warum? Weil wir wir auf den Verkehr verzichten müssen der uns eigentlich zusteht und normale Demos nicht erlaubt sind.“
Zum ersten Punkt; Beleidigend, und bereits mehrfach erklärt. Solche Menschen nehmen sich nur leider nie die Zeit anderen einmal zuzuhören.
Und weiter sind diese Demonstrationen normal, erlaubt und angemeldet. Für den Zeitraum in dem die Demonstration stattfindet steht dir eben nicht der Verkehr zu. Das kann man sehr leicht an den Polizeibeamt:innen und den Absperrungen erkennen. Diese freundlichen Beamt:innen zeigen aber sicherlich immer gern wo man stattdessen sein „Recht auf Verkehr“ wahrnehmen kann. 😉
„Meinungsfreiheit in Deutschland ist wohl auch nicht mehr relevant. Das ist meine Meinung und die wird sich nicht ändern…“
Meinungsfreiheit ist sogar sehr relevant in Deutschland. Wenn dir Meinungsfreiheit so wichtig ist solltest du glücklich sein das es CSDs gibt. Denn auch dafür stehen wir Seite an Seite auf der Straße. Auch für die Rechte einer Person die uns ablehnt. So nett sind wir dann ja doch schon.
Zum zweiten Satz fällt mir nur ein einziges Zitat ein.
„Hören sie auf mich mit Tatsachen zu verwirren! Ich habe mir meine Meinung längst gebildet.“
Im ersten Satz von „Meinungsfreiheit“ zu sprechen, und bereits im nächsten davon das sich die Meinung nicht ändern wird ist, wie soll ich sagen? – Merkste selber oder?
„Alles schön und gut, aber das mit Hundemaske versteh ich nicht. Tut mir leid.“
Ich schließe daraus das du vielleicht eine Erklärung dazu wünschst. Das würde jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Stattdessen würde ich dazu raten sich im Netz zu informieren.
Allerdings muss man als außenstehende Person das ganze ja auch nicht verstehen. Ein lesbisches Paar beispielsweise muss ja auch keinen heterosexuellen Mann verstehen.
„Jetzt sind die Bekloppten hier auch schon unterwegs. Junge, Junge, Junge.“
Tatsächlich haben wir in den knapp 3,5 Stunden auf der Route in Bremen keine „Bekloppten“ gesehen. Und wir waren schon sehr aufmerksam und haben extrem viel Kontakt mit den durchgehend sehr interessierten und gut gelaunten Passant:innen gehabt. Möglicherweise ist der Kommentar etwas deplatziert gewesen und gehörte zu einer anderen Veranstaltung.
Das war es dann auch schon an dieser Stelle. Ich muss sagen das mir dieser Beitrag doch mehr Spaß gemacht hat als ich es zunächst erwartet habe. Ich hoffe ich konnte einmal zeigen mit was für Dingen die queere Community und deren Allys konfrontiert sind. Betonen möchte ich das ich an dieser Stelle nur die harmlosen, eher nicht beleidigenden Kommentare herausgepickt habe. Tatsächlich kann der Ton auch schon ganz anders sein und es kommt auch zu Drohungen zum Beispiel.
Ich hoffe jedoch das ich die Fragen der Kommentatoren, zumindest hier einmal für andere beantworten konnte. Ich freue mich schon auf Episode zwei!
Jetzt muss ich mich aber erst einmal weiter auf den nächsten CSD vorbereiten. So eine ganze Stadt legt sich ja nun mal nicht von alleine komplett lahm.
