Eine Veranstaltung mit einigem ungenutztem Potential.
Kritik ist durchaus etwas positives, so lange sie konstruktiv ist. Einen CSD auf die Beine zu stellen ist sicher keine leichte Aufgabe, aber nur durch Kritik kann man sich verbessern. Ich möchte keinesfalls sagen das ich vom CSD Wuppertal am 09.09.2023 enttäuscht war. Dennoch denke ich das man noch einiges verbessern kann.
Außerordentlich positiv war die Organisation des Treffpunktes auf dem Johannes-Rau-Platz. Die Stände waren gut angeordnet, die Bühne gut positioniert. Für Getränke zu angemessenen Preisen war gesorgt, es gab ausreichend Toiletten, Entsorgungsmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten. Alles Punkte die auf einem CSD dieser Größenordnung ihresgleichen suchen. Von daher schon einmal ein sehr großes Lob an das Organisationsteam.

Was ich bei beinahe jedem CSD vermisse ist eine frühzeitige Information über Route, Zeiten etc. – Ich weiß nicht warum diese Informationen oft so spät kommen, aber ich gehe davon aus das es seine Gründe haben wird. Dennoch wären solche Informationen vor allem für anreisende Teilnehmer:innen interessant um beispielsweise die Zugverbindungen zu planen.
Das Unterhaltungsprogramm war bunt, queer und meiner Meinung nach außerordentlich gut zusammengestellt. Eine Mischung bei der für alle etwas dabei war. Von 80´s über Musical bis hin zu Pop. Mit dabei waren unter anderem „Franzi Rockzz“, „Broadway for you“ und „Part of the Art“. Letztere kannte ich bereits schon vom CSD in Lübeck wo sie bis spät in die Nacht den Platz zum vibrieren gebracht haben.
Die längere Anreise in die Stadt der Schwebebahn hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Dennoch komme ich nicht drum herum etwas Kritik zu äußern über Dinge die mir für einen CSD so überhaupt nicht gefallen haben. Ich vermute das viele das ganze ähnlich betrachtet haben und hoffe das sich dadurch für die kommenden Veranstaltungen etwas verbessert.
Der CSD erinnerte mehr an ein Sommerfest für queere Menschen.
Sicherlich gab es Informationsstände, gute Reden und ein umfangreiches Programm. Dennoch schaffte es die Veranstaltung nicht, warum auch immer, andere Menschen anzuziehen. Auch die queere Community selbst war nicht sonderlich stark vertreten. Gezählt wurden etwa 400 Teilnehmer:innen auf dem Platz. In Anbetracht dessen das in Wuppertal an die 27.000 queere Menschen leben, eine geringe Anzahl.

Sehr ungewöhnlich war die außerordentlich späte Startzeit des Demonstrationszuges. Diese war für 19:00 Uhr angesetzt. Zum Vergleich; Die meisten starten zwischen 12:00 und 14:00 Uhr. Ich denke das war auch ein ganz wichtiger Knackpunkt bei dieser Veranstaltung. Denn um 19:00 waren sowohl Fußgängerzone als auch Hauptstraße überwiegend leergefegt und frei von Passanten. Der CSD Wuppertal erinnerte auf seinem Instagram-Account zuvor noch daran das es sich bei der Veranstaltung trotz Feierstimmung um eine Demonstration handelt. Dann sollte Zeit und Route des Demonstrationszuges jedoch auch so gewählt werden das man möglichst viele Menschen mit dem Protest erreicht. Wir queeren Menschen selbst wissen ja warum wir dabei sind.
Das war letzten Endes das was mich am meisten an dieser Veranstaltung gestört hat.
Wir waren „allein“ auf der Straße unterwegs.
Ein weiterer positiver Aspekt der mir persönlich gut gefallen hat waren die Stopps des Demonstrationszuges an bestimmten Punkten um Reden zu halten. Vielleicht mag nicht jeder dieses Konzept, mir selbst hat es jedoch gut gefallen. Das Soundsystem auf dem vorausfahrenden Fahrzeug war jedoch nicht wirklich für die Übertragung von Sprache geeignet. So waren die Reden leider kaum zu verstehen und wurden von Rückkopplungen begleitet. Für das nächste Jahr könnte hier allein schon ein Megaphon eine deutlich bessere Verständlichkeit bewirken.
Und das Fazit?
Wuppertal, die Stadt der Schwebebahn, hat ein großes Potential für diese Veranstaltung welches einfach nur nicht ausgeschöpft wurde. Ich bin der festen Überzeugung das die Stadt mehr kann. Das sie mehr Menschen erreichen kann. Das sie noch lauter und bunter ihr Statement abgeben kann, und das auch tun wird.
Und das werde ich mir im nächsten Jahr ansehen.
