Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Ein wichtiger Satz, und auch der § 1 in unserem Grundgesetzt, den Oberbürgermeister Carsten Feist an diesem Tag nicht oft genug zitieren konnte. Denn unsere Grundrechte stehen nun einmal nie zur Debatte. Oder sagen wir, sie sollten es niemals. Die Realität sieht da schon etwas anders aus. Papier ist geduldig. Auch das auf dem anscheinend unsere Grundrechte festgehalten sind. Carsten Feist, der seit November 2019 Oberbürgermeister der schönen Stadt ist, weiß das offensichtlich auch. Denn Wilhelmshaven will noch viel für die LGBTQIA+ Community, jetzt und in Zukunft tun.
„Der CSD gehört zu Wilhelmshaven!“
sagt er in seiner Ansprache, und das Publikum ist ganz seiner Meinung.
Natürlich. – Was passt besser zu einer Stadt als Vielfalt, Offenheit, Herzlichkeit und Akzeptanz für alle Menschen? Ein CSD ist ein Symbol dafür. Es ist der Ort von Begegnungen und eine Safespace für viele Menschen aus allen Bereichen des Spektrums. Und dort wo Menschen zusammenkommen ist Leben.
Aus diesem Grund macht Wilhelmshaven eine kleine, aber meiner Meinung nach sehr wichtige Geste. Vor dem Rathaus hängt die Regenbogenflagge das ganze Jahr über. Ich bin immer etwas enttäuscht wenn sich auf Veranstaltungen Politiker damit brüsten das sie eine ganze Woche die für Menschlichkeit stehende Flagge gehisst haben, wo es doch selbst Baumärkte und Supermarktketten zu einem permanenten Statement gemacht haben. Ob sie nun danach handeln sei dahingestellt. Aber es ist ein Symbol der Solidarität. Aus diesem Grund habe ich für diese Haltung der Stadt Wilhelmshaven viel in meinem Herzen.
„Wir sind stolz!“ fährt er fort und meint damit den Christopher-Street-Day der 76.000 Einwohner-Stadt.
Ich freue mich wirklich sehr das ein verhältnismäßig kleiner CSD so wahnsinnig viel Energie aufbringen kann. Wilhelmshaven hat wunderbar gezeigt wie es geht, und wie man eine Demonstration, Politik und Festival unter eine Flagge bekommt. Nur wenige Events in den letzten Jahren die ich besucht habe strahlten so immens viel Charme aus und waren so familiär. Während auf der Bühne geredet und musiziert wurde, konnten sich Teilnehmer*innen und Besucher*innen an den insgesamt 20 Ständen auf dem Gelände informieren, austauschen und plauschen. Auf der nahegelegenen Wiese bildeten sich kleine Inseln aus bunten Menschen. Neue Bekanntschaften wurden gemacht, und neue Freundschaften geschlossen.
Gut möglich das die eine oder andere Person nun sagt das ihr solch ein CSD nicht politisch genug sei. Insgesamt wird diese Forderung immer öfter gestellt und ist, wenn man die Entstehung und Entwicklung der Pride berücksichtig, ja auch nur richtig. Wilhelmshaven hat gezeigt das auch beides geht.
Und sollte es nicht auch so sein?
Mehrere Menschen haben dort an diesem Tag ihre erste Pride gefeiert. Und zumindest diejenigen mit denen ich gesprochen habe waren begeistert und fanden es wunderbar, einen Ort zu haben an dem sie sich sicher fühlen und frei entfalten können. Der CSD ist eine Demo, ein Protest. Ja, das ist richtig. Aber er ist auch so vieles mehr. Und können wir von Toleranz und Akzeptanz reden wenn wir nicht auch die anderen Beweggründe akzeptieren aus denen heraus Menschen zu diesem Event gehen?
Sicherheit, Freundschaft, Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Liebe und Hoffnung…
The first pride was a riot.
Dieser Aufstand bildet das Fundament auf dem wir heute unseren Weg beschreiten. Aber er befasste sich mit einer anderen Interpretation von Problemen einer anderen Zeit. Selbstverständlich dürfen wie nicht vergessen wo die Wurzeln liegen, aber so wie sich die Probleme und Situationen verändert haben, müssen sich auch die Lösungen ändern und anpassen. Die Vergangenheit zu kennen, und sei es nur in den Grundlagen, gibt uns die Stärke die wir brauchen um unsere Zukunft zu verändern.
Wir sehen uns im nächsten Jahr Wilhelmshaven!

