Dieses mal hatte ich zunächst geplant nichts zu dem Event zu schreiben. Das hat mehrere Gründe die ich aber in diesem Beitrag etwas genauer beleuchten möchte. Daher wird diese Ausgabe auch aus einer etwas emotionaleren Sicht sein, denn genau das war es, was der CSD Hamburg in diesem Jahr für mich war. Starke Bewegung der Emotionen.
5 vor 12! Du & Ich gegen Rechtsruck
war das Motto der diesjährigen Hamburg Pride am 03.08.2024. Die meisten Veranstalter gehen thematisch in diese Richtung weil genau hier auch eine unmittelbare Bedrohung für die queere Community, und selbstverständlich auch für viele andere Gruppen liegt. Das Problem soll und darf man nicht klein reden, und worum es geht wissen wir alle genau. Darum gehen wir auf die Straße, darum zeigen wir Flagge, darum zeigen wir unser Gesicht und stellen uns dem entgegen.
Die Veranstaltungen die ich im laufe des Jahres besuche plane ich bereits ab Anfang Februar. Der CSD Hamburg gehörte für mich schon sehr früh auf die Liste. Zum einen weil er mir im letzten Jahr sehr viel Spaß gemacht hat, zum anderen aber auch weil Hamburg recht gut für mich zu erreichen ist, und natürlich auch ein Dreh- und Angelpunkt für dieses Ereignis ist.
Doch je näher der Tag rückte, und je mehr ich in der Presse über Anfeindungen und Übergriffe erfahren habe, desto geringer wurde meine Lust auf die Veranstaltung. Absagen kam zwar zu keinem Zeitpunkt für mich in Frage, aber die Situation entwickelte sich für mich, teils auch durch private gesundheitliche Probleme, immer mehr zu einer Sache die ich hinter mich bringen wollte. Mir verging schlicht und ergreifend die Lust, und meine Leidenschaft dafür loderte nicht mehr so stark und wurde zunehmend schwächer. Es lag vor allem an den ganzen negativen Nachrichten und Hasskommentaren. An den Angriffen auf Menschen die das Leben lieben. Jeden Tag neue, schlechte Botschaften und ich stellte mir die Frage ob die ganze Arbeit überhaupt etwas bringt.
Wahrscheinlich hat jeder Mensch mal diesen schwachen Moment.
Mit einigen Menschen teilte ich meine Sorgen und sie sagten mir „Du weißt das du da nicht hin musst?“ – Irgendwie hatten sie ja Recht. Aber irgendwie auch nicht. Ich sah nicht wirklich das ich eine Wahl gehabt hätte. Und zwei Tage vor dem CSD Hamburg wurde mir auch irgendwie dadurch klar das ich dort sein muss. Ich weiß nicht ob das die Absicht dieser Personen war, mich darauf zu stoßen, oder ob sie mich dadurch einfach nur etwas schützen wollten. Wie dem auch sei, haben sie mir sehr bei dieser Entscheidung geholfen. Mein Platz ist auf dem CSD. Möglichst weit vorne, möglichst laut und möglichst bunt!
Und dann war auch schon Samstag. Ich weiß nicht ob es daran lag das ich zwei Wochen das Outfit nicht getragen habe, oder das ich mich 2 Wochen mit der Thematik nicht so intensiv beschäftigt habe. Zwei Wochen wenig Kontakt zu eine größeren Menge an Menschen hatte. Als ich zu Hause fertig angezogen und geschminkt war sah ich in den Spiegel. Und ich wusste wieder genau warum ich dort hin muss. Meine Unbehagen verging mit einem Schlag und es fühlte sich ein wenig an als würde sich etwas in mir entzünden und aufflammen. Die depressive Stimmung der letzten Zeit war zumindest für den Moment verflogen.
Auf nach Hamburg!

Ich möchte wie bereits erwähnt nicht direkt auf die Einzelheiten oder das Programm des CSD Hamburg eingehen. Es gab Dinge die mich sehr positiv beeinflusst haben, und Dinge die mich extrem negativ belasten.
CSD´s wie Hamburg, Köln und Berlin sind Vorzeigeobjekte. Sie sind laut, schrill und groß. Aber sie entwickeln sich in eine Richtung die mir nicht sonderlich gut gefällt. Eine Richtung die vielen in der Community nicht so gut gefällt. Kommerziell, vermüllt und partylastig. Und genau das war es, was mich dieses Jahr in Hamburg sehr gestört hat. Wo Menschen sind, da fällt auch schon mal Müll an. Wo andere Events aber auf Konfetti beispielsweise verzichten wurde hier von den Fahrzeugen selber aus der bunte Abfall in die Luft geschossen und verblieb auf der Straße. Auch nach dem Demozug entwickelte sich das ganze eher in eine Ballermann-ähnelnde Party. Der Boden war voll mit plattgetretenen Müll, Flaschen und Outfitresten. Aus der tanzenden Menge kamen Menschen auf mich zu und waren bereits so betrunken das sie mich bei Sprechen anspuckten weil sie bereits komplett die Kontrolle über sich und ihren Körper verloren haben.
Das ist nicht Pride!
Versteht das nicht falsch. Grundsätzlich bin ich immer der Meinung das zu einem CSD auch eine gute Stimmung und etwas Feiern dazugehört. Wir protestieren und nutzen die Gelegenheit selbstverständlich auch um etwas zu feiern. Das was wir erreicht haben, das was wir sind und das was wir möglicherweise hinter uns gelassen haben. Für viele ist ein CSD der ideale Ort um sich im kleinen Rahmen zu outen und zu zeigen. Ein Ort um sich die Sicherheit und Bestätigung zu holen die manchmal notwendig ist damit wir leben können, und nicht einfach nur existieren.
Aber noch einmal die Bitte an alle. Übertreibt es nicht und kennt eure Grenzen. Wenn ihr das so ausgelassen tun möchtet ist eine Pride nicht der richtige Ort dafür.
Auf der anderen Seite gab es im Nachhinein einige Ereignisse durch die ich erheblich länger in Hamburg geblieben bin als ich es geplant hatte. Und das lag allein an einem der liebsten und wunderbarsten Dinge für mich auf den CSD´s. – Den Menschen.
Ich traf neben Streamern und Zuschauern von Twitch die ich noch gar nicht so lange kenne, aber schon sehr in meine herz geschlossen habe, auch auf alte und neue Puppys. Auf ganz wunderbare Menschen die ich vielleicht nicht wiedersehen werde, oder erst in Monaten oder Jahren. Aber auch sie haben in meinem Herzen etwas hinterlassen, und ich freue mich sehr darauf sie doch noch einmal wieder zu sehen. Irgendwann. Besonders habe ich mich an diesem Tag darüber gefreut das Jonas, der weiße Engel aus Bremen, es doch noch geschafft hat nach Hamburg zu kommen.
Wir machen das für Menschen. Darum sollten auch sie im Mittelpunkt stehen.
Das Fazit dieser Veranstaltung ist für mich allerdings leider, das ich den CSD Hamburg im nächsten Jahr wohl nicht besuchen werde. Wie bereits erwähnt ist Hamburg für mich zwar gut erreichbar, die Sache war aber auch das die anderen Veranstaltungen an diesem Tag weit weg für mich waren, und ich keinen direkten Bezug zu den Städten hatte, während ich in Hamburg bestimmte Menschen treffen wollte. Im nächsten Jahr steht für mich unter anderem Nürnberg auf der Liste. Es gibt noch viele Orte die ich besuchen möchte, und viele Menschen die ich kennenlernen will.
Eine Bitte habe ich noch zum Abschluss. Ich höre leider immer wieder im Nachhinein das jemand sich nicht getraut hat mich anzusprechen. Und diesem Menschen will ich sagen:
Tut es dennoch. Ich möchte euch kennenlernen!

