Ist ein Christopher Street Day überhaupt ein Christopher Street Day, wenn er nicht die grundlegenden Werte vertritt?
Diese Frage geht mir seit dem CSD in Grevesmühlen am 13.09. dieses Jahres durch den Kopf – und es ist eine Frage, die mich auch während der gesamten Recherche beschäftigt hat und immer wieder in mir aufkam.
Warum ich so lange gebraucht habe, um diesen Artikel zu verfassen, ist sehr einfach: Nie zuvor musste ich mich so intensiv mit den Hintergründen beschäftigen, so viele Fragen stellen und auf so viele Antworten warten. Und gerade weil der CSD Grevesmühlen so verlief, wie es der Fall war, wollte ich mich auch mit den Details intensiver befassen. Das Ergebnis waren Gespräche mit Teilnehmenden, der Organisation des CSD, der Polizei, der Versammlungsbehörde und natürlich mit Standbetreibenden.

Grundsätzlich war es so, dass unser Verein den CSD mit einem Stand unterstützen wollte. Wir meldeten also einen Stand an, und ich kam in die Orga-Gruppe. Eine grundsätzliche Aussage, welche auch den Stein für die weiteren Geschehnisse ins Rollen brachte, war:
„Solange die Gesamtheit der Person eine Szenenzugehörigkeit ohne Zweifel einschließt, ist Vermummung durch Objekte der Fetisch- und BDSM-Szene zulässig.“
Diese Regel sollte verhindern, dass sich Teilnehmende der rechten Gegendemo mit einer Puppy-Maske in den CSD einschleusen.
Ich lasse diesen Satz einmal so stehen – jede*r kann sich selbst ein Bild davon machen, wie realistisch dieser Fall ist, und ob es dafür eine Puppy-Maske sein muss. Oder ob man sich nicht auch einfach eine Regenbogenfahne umhängen oder gar in Jeans, Pullover und mit den Händen in den Taschen auf den CSD gehen kann.
Eine extrem problematische Aussage im Rahmen einer Demonstration, die aus Schubladendenken, Diskriminierung und Polizeigewalt geboren wurde. Unterm Strich eine Aussage wie:
„Du darfst exakt auf diese Art und Weise für deine Rechte demonstrieren.“
Simpel und undemokratisch. Natürlich lässt man so eine Aussage als Veranstalterin eines Christopher Street Day, einer Pride, nicht einfach so im Raum stehen. Man setzt sich für die Community, für Vielfalt und für Toleranz ein!
Das tut man doch als Veranstalterin. Oder?
Nein. In diesem Fall tat man das leider nicht. Diese Entscheidung glich eher einem schwarzen Peter, der zwischen den verschiedenen Stellen hin- und hergeschoben wurde – was auch meine Recherche im Nachhinein sehr kompliziert machte. Aber wer ist eigentlich dafür verantwortlich, diese Regularien mit der zuständigen Versammlungsbehörde zu besprechen? Die Antwort ist ganz einfach:
Der Veranstalter ist in diesem Fall in der Verantwortung.
(Aussage der Versammlungsbehörde Landkreis Nordwestmecklenburg)
Diese Aussage habe ich nach der Veranstaltung von der zuständigen Versammlungsbehörde erhalten. Zudem auch die Information, dass all diese Regularien von den Veranstaltenden bedingungslos hingenommen wurden. Ich muss gestehen, dass ich an dieser Stelle ein wenig fassungslos war. Bedingungslos alle Regeln zu einer Veranstaltung mit dieser speziellen Thematik anzunehmen – nur, um sie durchführen zu können?
Ging es dabei überhaupt um die Grundwerte einer Pride?
Was hier geschehen ist, nennt man schlicht und ergreifend Ausgrenzung der Puppy-Community. Die zuständigen Behörden haben an dieser Stelle ohne Sinn und Verstand – tatsächlich ohne die Thematik überhaupt zu kennen – eine Entscheidung getroffen. Alles, was die Versammlungsbehörde hätte tun müssen, wäre gewesen, sich mit den zuständigen Behörden anderer Bundesländer in Verbindung zu setzen. Nicht zuletzt mit Schleswig-Holstein, denn hier sind Puppies und alle anderen immer gern auf dem CSD gesehen.
Die Ämter von Mecklenburg-Vorpommern scheinen, was das angeht, jedoch ein wenig in der Zeit stehen geblieben zu sein.

Zurück zum Anfang: Noch in der Planungsphase des CSD Grevesmühlen wollte ich das Gespräch suchen, um an dem Punkt der Ausgrenzung einzelner Teilnehmender anzusetzen. Hier stieß ich jedoch schnell an Grenzen – der Veranstalter schob die Verantwortung mal auf die Polizei, mal auf die Versammlungsbehörde, wollte sich aber nicht selbst mit der Problematik befassen. Immer wieder wurde betont, dass man gerne Puppies, BDSMer und Menschen aus der Fetisch-Community dabei gehabt hätte. Dafür war mir jedoch das fehlende Engagement und die diskussionslose Inkaufnahme der Regeln zu schwach. Auch meine Bitte, das Gespräch mit den zuständigen Behörden selbst zu suchen, wurde nur sehr schleppend behandelt.
Der Veranstalter wollte den Kontakt zur Polizei minimieren, um sie nicht zu „nerven“.
Das Letzte, was Veranstaltende einer Demonstration für Vielfalt und Toleranz – die aus den Stonewall Riots von 1969 entstanden ist und vor allem gegen Polizeiwillkür steht – tun sollten, ist, den Kontakt zur Polizei zu minimieren. In vielerlei Hinsicht hatte es für mich den Anschein, als wolle man um jeden Preis eine Veranstaltung durchführen, an deren Front man das Schild „CSD“ anbringen kann.
Und damit sind wir wieder bei der ursprünglichen Frage angelangt:
Ist ein Christopher Street Day überhaupt ein Christopher Street Day, wenn er nicht die grundlegenden Werte vertritt?
Toleranz. Widerstand. Mitgefühl. Vielfalt.
Unter dem Aspekt, dass es mit der Klärung für die Puppies auf dem CSD nicht voranging und ich als Ansprechperson für unseren Verein in diesem Moment die Unversehrtheit und das Recht auf freie Entfaltung unserer Mitglieder und Teile unserer Community nicht gewährleistet sah, zog ich die Standanmeldung zurück.
Noch am selben Tag meldete sich der Veranstalter direkt bei mir und sprach davon, dass er es schade fände, dass es zu keiner Einigung gekommen sei. Hast du bis hierher gelesen, stellst du natürlich schnell fest, dass von einer Seite eine Einigung angestrebt wurde, während die andere Seite alles auf Polizei und Versammlungsbehörde schob. Aber wie es immer so ist, kommt die Kompromissbereitschaft erst dann, wenn die ersten das Projekt verlassen.
Ich entschied mich dennoch, den CSD Grevesmühlen zu besuchen – allerdings im rein journalistischen Kontext. Der Ablauf der Veranstaltung hat mich nicht wirklich überraschen können. Ich entschied mich, vom Aufbau der Stände bis zum Abbau dabei zu sein, um mir ein möglichst genaues Gesamtbild machen zu können. Dass mich der Veranstalter vor Ort ignorierte, wunderte mich keineswegs. Ich konzentrierte mich daher auf die Standbetreibenden und die Polizei und führte dort meine Gespräche, die zu diesem Artikel führten. Denn der Zwischenteil – also die Kundgebung und die Demonstration selbst – verliefen in etwa so wie andere CSDs auch.
Wobei ich mich noch immer frage, warum die Polizist*innen, die den Demozug schützen sollten, nicht mit dem Rücken zum Demozug standen – trotz angekündigter rechter Gegendemo und erhöhtem Gefahrenpotenzial, wie mir die Versammlungsbehörde mitteilte. Vielleicht nur ein Zufall, vielleicht ein Statement. Wir werden es wohl nie erfahren.
„So sehen wir die Puppies gerne auf unserem CSD!“
…sagte der Veranstalter des CSD, Sebastian Hüller auf der Bühne um die einzigen beiden Puppies welche zu der Veranstaltung gekommen sind zu erwähnen. Diese beiden hatten zuvor nichts von diesen Auflagen gehört und auch die Kommunikation innerhalb der Puppy-Community zu dieser Veranstaltung nicht mitbekommen. Für die beiden auch unproblematisch, da ihr Outfit entsprechend den „Vorschriften“ war. Was für sie kein Problem war stellt andere Petplayer vor eine Mauer der Ausgrenzung. Nicht jeder kann sich eine teure Puppy-Maske, ein ganzes Outfit oder Zubehör leisten. Manche wollen es auch überhaupt nicht, sondern fühlen sich in Jeans und Shirt am wohlsten. Diese Individualität wurde hier ausgegrenzt. Für die Veranstalter natürlich nicht, diese sind jedoch auch nicht betroffen und kein Teil dieses Community-Zweigs.
Ein sicheres Statement war auf jeden Fall die Anwesenheit antifaschistischer Gruppierungen – eine Anwesenheit, die vielen, vor allem auch mir, Sicherheit gegeben hat.
Und dann irgendwann … war der CSD vorbei.
Ich möchte mich hier nicht mit Moderationen und Musikprogramm beschäftigen – nicht dieses Mal. Dafür ist mir der Sinn einer Pride einfach zu wichtig.
Die Veranstaltung war zu Ende. Die Teilnehmenden verließen nach und nach das Gelände. Die Polizei war nur noch mit, zumindest sichtbar, zwei Personen dort. Der Veranstalter war verschwunden – und die Standbetreibenden bauten ab.
Diese Situation rundete mein Bild des Ganzen ab. Meine Bedenken waren ausnahmslos erfüllt worden. Wir packten ein und fuhren nach Hause.
Erst im Nachhinein erfuhr ich dann weitere Details – durch Standbetreibende und durch die Versammlungsbehörde. Der versprochene bewachte Parkplatz für die Standbetreibenden war nicht bewacht. Die Eskorte dorthin funktionierte anscheinend auch nicht wie angedacht.
Die Versammlungsbehörde Nordwestmecklenburg beantwortete zwar meine erste E-Mail, in der ich zum Teil schon kritisch nachfragte – die zweite E-Mail wurde jedoch bereits ignoriert …
Braucht Grevesmühlen einen CSD?
Ja. Grevesmühlen braucht einen CSD. Seinen ersten CSD.

