Du merkst es schon. Dieser Artikel würde nicht existieren, wäre dem so. Oder noch viel schlimmer, du hast selbst die Erfahrungen gemacht, dass trans Menschen in der Gesellschaft noch immer nicht überall willkommen und als selbstverständlich wahrgenommen, respektiert und akzeptiert werden. Natürlich hoffe ich an dieser Stelle, dass du als Queer oder auch Ally bisher von Anfeindungen und Diskriminierung verschont geblieben bist, aber wem mache ich etwas vor?
Die Diskriminierung ist allgegenwärtig. Sie begegnet uns im Alltag. Im Supermarkt, in der Schule, auf der Arbeit –
Das überraschendste Merkmal dabei scheint zu sein, dass wir ihr dort sehr häufig begegnen, wo Akzeptanz und Respekt gepredigt wird. Dort, wo man uns sagt: „Ihr seid willkommen, so wie ihr seid!“. Angefangen mit kleinen Sätzen wie „Wir hatten schon Menschen wie dich hier.“ bis hin zu „Du siehst aber dennoch männlich aus als Transfrau.“
Auf der einen Seite sind solche Situationen erschütternd, auf der anderen wiederum sehr erbärmlich. Oft sind Menschen, oder aber ihre Art, mit der Gesellschaft umzugehen, spätestens 1994 stehen geblieben. Zu der Zeit, als Homosexualität noch strafbar war bzw. der § 175 des StGB endlich abgeschafft wurde. Man behandelte Menschen zuvor nicht nach dem, was sie leisteten oder wie sie aussahen. Man bestrafte Menschen für ihre Art, zu lieben. Und was hat sich nun nach der Abschaffung bis heute verändert? Tatsächlich meist nur das Gesetz. Das Gedankengut dahinter steckt oftmals noch immer in den Köpfen von intoleranten Konservativen wie Schwarzschimmel. Nur auf den ersten Blick wegzukriegen, und dennoch kommt es immer wieder durch.
Akzeptanz und Respekt wird zumeist von den Menschen verweigert, die sagen: „Man darf ja nichts mehr sagen!“, tun es aber dennoch jeden Tag, unermüdlich und unentwegt. Aber was sehen diese Menschen dabei genau? Was ist ihr Feindbild?
Letzten Endes sie selbst. Betrachten wir ihre Handlungsweisen und Reaktionen, wird uns sehr schnell klar: Sie kratzen an der Oberfläche. Mehr nicht. Sie hetzen, manchmal auch unbewusst, gegen eine ganze Gruppe von Menschen, die sie nicht kennen, nicht verstehen und erst recht nicht unterstützen wollen.
Aber warum lassen sie uns nicht wenigstens in Ruhe leben?
Die Antwort auf diese Frage wird zwar häufig als komplex und schwer zu beantworten abgetan, ist aber tatsächlich so alt wie die Menschheit selbst. Es ist Neid. Wir haben etwas, das sie nicht haben. Wir beschreiten oder beschritten einen Weg, der für uns eine Verbesserung unseres Lebens und unserer Umstände herbeiführen soll. Und obwohl uns vor dem ersten Schritt dieser Reise klar ist, dass dieser Weg steinig und lang sein wird, setzen wir einen Fuß vor den anderen. Das ist es, was wir haben. Während Hetzer in ihren Narrativen feststecken, ihr Leben traurig ist, weil sie nie aus sich herauskamen und ihre Freizeit nichts bietet, als Hass zu verbreiten, um sich selbst besser zu fühlen, was tun wir da?
Wir zeigen Mut, Leidenschaft, Stärke und Überzeugung.
Trotz allem, was queeren Menschen und Allies entgegengebracht wird, weichen wir nicht zur Seite. Wir halten zusammen, suchen Schutz in unserer Bubble und verteidigen uns und unsere Mitstreiter. Wir bilden eine Front.
Zwar dachte ich, oder hatte zumindest sehr gehofft, dass wir kleine Schritte nach vorne machen. Dass ich kleine Schritte nach vorne mache. Dass die Gesellschaft wenigstens ein bisschen offener geworden ist. Auch wenn die politische Lage große Schritte in die entgegengesetzte Richtung macht und sich das Lesen der Nachrichten anfühlt wie eine Wanderung durch die Wüste auf feinem Sand.
Aber dennoch gibt es viel, was wir tun können. Immer wieder wird uns suggeriert, wir wären eine Minderheit. Wir sollen uns klein, schwach und allein fühlen. Und immer wieder zeigen die Besucherzahlen von Veranstaltungen das genaue Gegenteil. Veranstaltungen wie ein CSD mit 1.000, später knapp 1.400 Teilnehmenden, und Gegendemos mit knapp 350 Teilnehmenden. (Quelle: Pressemitteilung der Polizeidirektion Rostock zum CSD Grevesmühlen)
In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz (Ende 2024) in etwa 50.000 dem rechtsextremen Spektrum zugeordnete Menschen. Eine Gruppe die häufig gegen die queere Community hetzt und sie mit dem Argument der Minderheit entmachten will. Dagegen umfasst die queere Community mit knapp 11 % bis 12 % der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik (Quelle: LSVD), bei einer Bevölkerung von 83,5 Millionen etwa 9,6 Millionen. Selbst wenn wir die Zahlen für die Gegenseite noch beschönigen, würde sich am Resultat nicht sehr viel ändern. Selbst wenn Menschen voller Hass und die Politik uns unterdrücken, einschränken und angreifen wollen, so ändert es nichts an der Tatsache, dass wir nicht die universelle Minderheit sind. Es stimmt durchaus, dass queere Menschen den kleineren Teil der Bevölkerung ausmachen, aber dennoch den Löwenanteil gegenüber den Menschen, die uns Hass entgegenbringen und uns als Feindbild betrachten.
Natürlich handelt es sich bei diesen Werten immer und grundsätzlich um Zählungen, Schätzungen und Statistiken. Häufig werden Statistiken so ausgelegt, dass sie zu eigenen Gunsten sind. Das ist kein Geheimnis. Doch realistisch betrachtet entsteht auch immer ein Trend. Und dieser Trend ist ungeachtet der Zahlen sehr wohl real. Angriffe und Gewalttaten steigen, Queerfeindlichkeit nimmt zu.
Wird ein Mensch von 10 ungerecht behandelt, kann es für 9 Menschen egal sein, für einen ist es das jedoch nicht.
Es spielt also überhaupt gar keine Rolle, ob wir drei, dreitausend oder drei Millionen mehr sind. Wir sind mehr. Und wir fallen lediglich nicht so auf, weil wir unterdrückt, klein gehalten und manipuliert werden. Weil wir uns ruhig verhalten, nachdenken und nicht voller Hass sind. Aber wie lange lassen wir uns noch diese Unterdrückung und diese Gewalt gefallen?
Wir sind sehr vieles. Wir kreieren, erschaffen und errichten. Wir bauen, malen, verdrahten und schrauben. Wir sind voller Leidenschaft, Überzeugung und Mut. Wir sind Antifaschist:Innen, Politiker:Innen und Journalist:Innen. Wir sind so unfassbar wandelbar, vielseitig und stark. Aber in aller erster Linie, und womöglich auch in letzter …
Wir sind Kämpfer:Innen

