Der 25. Juli 2026
Die Welt dreht sich weiter, sagt man. Aber an diesem Tag nicht. Für einen kurzen Augenblick blieb alles in und um Berlin herum stehen. Für einen kurzen Augenblick wusste man, dass etwas passiert war, aber niemand wusste, was. Wir sahen uns fragend an und blickten zu anderen. Ein stiller Dialog, dessen Inhalt sich nicht mit Worten beschreiben lässt.
Trotz eines emotional anstrengenden Tages waren wir am Abend des 25.07.2026 in einer kleinen Bar in Berlin feiern, als uns die Nachricht erreichte: Der CSD Berlin wurde abgebrochen und das Gelände umgehend evakuiert. Genau genommen war uns klar, von was für einer Gefahr wir sprachen, auch wenn uns die Hintergründe fehlten und vieles noch lange im Unklaren bleiben würde.
Einer meiner ersten Gedanken: Dieser Tag wird für immer in meinem Kopf bleiben.
Weniger als zwei Stunden, nachdem wir den CSD verlassen hatten und durch den Tiergarten gingen, erfuhren wir, dass ein Fahrzeug in eine Menge gefahren war. Eben auf genau den Wegen, die wir gemeinsam gegangen sind, Hand in Hand. Es fühlte sich unwirklich an, und das tut es auch jetzt noch ein paar Tage später. In dem Augenblick, in dem wir langsam die Situation erfassten und verstanden, dass etwas Furchtbares geschehen war, verließen wir die Party und machten uns auf zum Hotel zurück. Ich schickte meinen Partnerinnen sofort eine Nachricht, dass mit uns alles okay war. Wir wollten wissen, was los war, und wir wollten runter von der Straße. Das war der Moment, in dem wir bemerkten, wie zerbrechlich alles war. Die Straßen waren irgendwie leer. Sirenen in der Ferne. Plötzlich Blaulichter überall. Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen. Einfach überall und aus allen Richtungen schlugen sie den gleichen Weg ein. Und dann wieder Ruhe. Ich bin froh, dass der Weg zum Hotel zurück nicht sehr lang war. Dennoch fühlte er sich deutlich länger an als noch auf dem Hinweg. Im Zimmer schalteten wir sofort den Fernseher an und holten die Handys heraus, um irgendetwas zu erfahren. Beinahe alle Kanäle berichteten davon, aber mehr als das, was wir bereits wussten, erfuhren wir nicht. Es war schwer, Spekulation und Tatsachen zu unterscheiden. Ich war psychisch bereits stark überlastet vom ganzen Tag. Und dann eine neue Nachricht. Eine Person ist tot, mehrere verletzt. In meinem Kopf kam die Nachricht zwar an, aber es geschah irgendwie nichts. Während Robin, meine Verlobte, noch weiter die Nachrichten verfolgte und am Handy war, wurde mein Kopf immer schwerer. Schon mehrere Menschen hatten mir per WhatsApp geschrieben und gefragt, ob alles gut war. Ich brachte nur eine kurze Antwort zustande. Irgendwann schlief ich ein. Und irgendwie fühlte ich nichts mehr.
Am nächsten Morgen war ich so gegen 6.00 Uhr wach. Mein erster Griff ging zum Handy. Ich versuchte, mit ChatGPT und Google herauszufinden, ob es etwas Neues gab. Aber tatsächlich hatte sich nichts getan. Robin schlief noch. Ich beobachtete sie eine kleine Weile, und mir ging durch den Kopf, dass das, was immer auch genau dort passiert war, uns hätte treffen können. Dass es Robin hätte treffen können. Ich wollte raus aus dem Zimmer. Zu viel Stille war dort. Ich zog mich an und verließ den Raum leise. Unten in der Lobby konnte ich einen Kaffee bekommen. Ich setzte mich in die große Halle und überlegte. Und plötzlich verstand ich es und begann fürchterlich zu weinen. In dem Augenblick wurde mir klar, was passiert war. Ein Mensch war tot. Er wurde bei einem terroristischen Anschlag ermordet. Ein Mensch, der auf die Straße gegangen ist, um für seine Rechte einzustehen, ein Zeichen für Liebe und Vielfalt zu setzen. Ein Mensch, dessen Geschichte in dieser Nacht endete. Angestellte vom Hotel kamen und fragten mich, ob alles okay war. Natürlich war es das nicht, aber ich nickte. Wahrscheinlich war ihnen bewusst, was passiert war. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich dort unten saß, bevor ich mich etwas beruhigt hatte, aber ich war mit den Nerven so ziemlich am Ende. Nachdem ich mich gefangen hatte, ging ich hinauf ins Zimmer zurück. Ich bin nicht mehr sicher ob ich Robin geweckt hatte oder sie bereits wach war. Sehr viel geredet haben wir an dem Morgen nicht. Worte konnten einfach nichts beschreiben. Wir hatten uns einen Abend zuvor für einen gemeinsamen Brunch angemeldet. Robin fragte mich, ob wir wirklich dorthin wollten. Ja! Auf jeden Fall. Ich muss dorthin. Ich muss die Menschen sehen, und so hart das vielleicht klingt, muss ich sehen, ob sie noch da sind. Die Community ist am Abend zuvor angegriffen und sehr schwer getroffen worden. Das war für mich ein Zeichen, dass wir unbedingt an diesem Morgen Zeit miteinander verbringen mussten. Wir brauchten lange, um uns fertig zu machen. Wir sahen uns an, wir weinten. Mal gleichzeitig, mal abwechselnd, und irgendwann gingen wir dann los. Leise, Hand in Hand und langsam. Durch eine Stadt, die irgendwie einfach noch still war.
Auch wenn ich viele der Menschen dort beim Brunch noch nicht kannte, war ich froh, sie alle zu sehen. Sie unterhielten sich, manchmal lachten sie sogar etwas, aber über allem lag ein schwerer, dunkler Schleier, der alles niederdrückte. Ich hatte fürchterlichen Hunger. Ich ließ mich bereitwillig ablenken. Beobachtete die anderen, hörte zu, verfolgte Bruchstücke von Gesprächen und ich sah Robin häufig an. Und wieder diese Gedanken: Was wäre gewesen, wenn? Es überkam mich so sehr, dass ich erneut anfing zu weinen. Ich verstecke meine Emotionen und erst recht meine Tränen schon lange nicht mehr. Jemand kam auf mich zu und fragte mich, ob alles okay sei. Wir beide, alle in der Bar, wussten, dass es nicht so ist, aber ich nickte. Und er fragte mich, ob ich eine Umarmung möchte. Ich hielt mich fest, drückte zu, so stark ich es gerade brauchte. Und es half etwas. Wenig Heilung, aber ein bisschen für den Augenblick. Ich glaube, wir waren an die 2 Stunden dort, bis wir langsam entschieden zu gehen. Denn wir wollten der Mahnwache vor dem Brandenburger Tor beiwohnen.
Ob das eine gute Idee ist angesichts der Lage und der starken Emotionen?
Ja, das ist es. Ich wollte dorthin, um jeden Preis. Die Community muss an diesem Tag zusammenhalten und sich gegenseitig stützen.
Der Weg zum Pariser Platz war so lang und schwer. Erst wenig Polizei, dann immer mehr. Und je dichter wir dem Wahrzeichen der Stadt kamen, desto schwerer waren sie ausgerüstet. Den Blick auf den Versammlungsort hatten wir erst, als wir um die Bühne herum gegangen sind und am Tor vorbei. Der Platz war gefüllt mit Menschen. Ich hätte das so nicht erwartet. Und trotzdem war es irgendwie nicht laut. Wir fanden direkt ein paar Freunde, zu denen wir uns stellten. Ich sah mich um. Leere Gesichter, schweres Atmen und immer wieder Tränen. Robin weinte. Ich weinte. Wir sahen uns an. Menschen, die ich nicht kannte. Wir blickten uns in die Augen und verstanden einander, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Die Veranstaltung begann. Die Musik spielte. Ich blickte nach oben in den bewölkten Himmel, weil ich das Gefühl hatte, sonst erdrückt zu werden. Direkt vor mir wehte eine Regenbogenflagge, über uns kreiste ein Polizeihubschrauber, und die ersten Regentropfen fielen mir aufs Gesicht. Ich wollte in dem Moment funktionieren, aber es ging nicht. Wir nahmen uns in den Arm, stützten uns gegenseitig. Weil etwas passiert ist, das noch keiner ausgesprochen hatte. Am 25. Juli haben wir alle etwas verloren. Jeder Einzelne. Dieser feige Angriff war purer Hass und Gewalt. Und er richtete sich wahllos gegen jeden auf dieser Veranstaltung. Es war einfach das Ziel, Menschen zu töten, weil sie eine andere Geschlechtsidentität haben oder anders lieben. Für den Täter, den Mörder, spielte es keine Rolle. Es traf einen Menschen, den ich nicht kannte, aber mit dem ich mich, wie mit allen aus der Community, verbunden fühle. Aber es hätte auch einen Freund treffen können, Robin oder mich. Jeder Queer und Ally war das Ziel in dieser Nacht. Und in dem Augenblick wurde mir wieder bewusst, was uns vereint, selbst an einem Tag, an dem jeder einfach nur gerne zu Hause in Sicherheit geblieben wäre, versteckt unter einer Decke. Wir sind eine Community, weil jeder von uns mehr Leid ertragen musste, als es ein einzelner Mensch kann. Weil wir vor allem den Schmerz immer und immer wieder geteilt haben.
Auf dem langen Weg zurück zum Hotel über die Straße des 17. Juni begegneten wir vielen Polizisten. Schusssichere Westen, gerade dabei, ihre Maschinengewehre durchzuladen. Nur zwei bis drei Meter von uns entfernt. Ein fürchterliches Gefühl, das ich niemals wieder erleben möchte.
Angekommen im Hotel tranken wir noch einen Kaffee, bevor wir zurück auf das Zimmer gingen. Ich war völlig erschöpft. Ich musste raus aus der nassen Kleidung und legte mich ins Bett. Erneut blieb Robin wach und sah Nachrichten, googelte News. Ich schlief ein. Drei Stunden oder länger. Ich weiß es nicht genau. Was ich aber weiß, ist: Als ich aufwachte, war das Erste, was Robin mir sagte: „Sie haben ihn. Er wurde erschossen.“ Ich überlegte, ob ich vielleicht noch träume, ob es Spekulation war oder falsche Nachrichten, aber es war tatsächlich passiert. Der Täter wurde bei seiner Verhaftung erschossen. Die Gefahr war vorüber. Oder?
Ich hatte großen Hunger. Wir haben eigentlich den ganzen Tag nichts gegessen. Wir zogen uns an und gingen hinaus. Aber etwas war merkwürdig. Es fühlte sich nicht anders an als noch zuvor. Es fühlte sich nicht sicherer an, es war nicht leiser oder lauter geworden. Die Welt funktionierte weiter. Und es waren nun zwei Menschen tot. Sonst ist alles dabei geblieben. Ich dachte, dass es sich vielleicht etwas besser anfühlen würde, aber nein.
Wieder im Hotel angekommen, nahm ich mein Handy und scrollte durch Instagram. Ich las immer und immer wieder die Nachricht, dass der Terrorist tot ist. Und darunter Kommentare, welche die dunkelste Seite der queeren Community zutage förderten. Menschen, die „So ein Glück“ schrieben und ihre Aussage mit Herzen und lachenden Smileys verzierten. Ich verstand es nicht, als ich diese Kommentare las, und ich verstehe es bis jetzt nicht. Von diesem Tag bleibt sehr viel in mir zurück. Eine Trauer, die ich sicherlich von nun an mit mir tragen werde, eine fürchterliche Angst, Menschen zu verlieren, die mir nahestehen und die ich liebe.
Ich bin froh, dass diese Gefahr nun vorbei ist. Aber bin ich froh darüber, dass ein Mensch mehr nun tot ist?
Sicher nicht.

